Einsatz des Pilotenrettungsfallschirms RFS II

Notabsprung aus einem Segelflugzeug

 (Ergänzende Angaben bzw. Überlegungen zum Betriebshandbuch)

Für Fallschirmspringer ist das Verlassen des Flugzeuges der Start in seinen Sport – für Piloten und Flieger das vorzeitige Ende eines Fluges…

Als Pilot rechnet man natürlich nicht mit so einer Situation; das Rettungsgerät ist ja auch eher ein notwendiges Übel, das möglichst wenig stören soll. Ein Sitzkissen eben.

Und doch sollte man sich im Rahmen der Startvorbereitungen auch kurz mit dem Thema Notausstieg beschäftigen.

Grundsätzliches:

Öffnungssysteme des RFS II

  • Manuelle Öffnung
    Unter einer manuellen Fallschirmöffnung versteht man die eigenständige Aktivierung durch Ziehen des Abzuggriffs.
    Dabei werden die an den Enden des Abzugskabels befindlichen Verschlussstifte aus den Verschlussschlaufen (Loops) gezogen, die Verpackung geöffnet und der unter den Klappen befindliche Spiralfederhilfsschirm freigesetzt. – Dieser „springt“ in den Luftstrom und zieht aufgrund seines Luftwiderstandes den Rundkappenfallschirm heraus. 
  • Automatische Öffnung
    Genau genommen handelt es sich bei der Automatik des RFS II um eine durch Automatenleine assistierende manuelle Öffnung. Hierbei wird beim Rettungsabsprung die im Luftfahrzeug mittels Karabinerhaken befestigte Aufziehleine gestrafft und die rückenseitigen, innerhalb des Containers befindlichen Arretierungen entsperrt. (es handelt sich hier um die, den sichtbaren Verschlussstiften gegenüber liegenden, an der Aufziehleine befindlichen Kabelstifte. Die Verschlussschlaufen sind als sog. „Doppel-Loops“ gefasst, sodass auch im Falle eines Verbiegens der äußeren Verschlussstifte eine Aktivierung noch möglich ist).
    Nach Öffnung der Verpackung durch die Aufziehleine wird der Spiralfelder-Hilfsschirm freigesetzt – der weitere Verlauf entspricht der Manuellen Öffnung. 
  • Vorteile Automaten-Aktivierung
  •  
    • Selbständige Öffnung direkt und unmittelbar nach dem Verlassen des havarierten Luftfahrzeuges (Hinweis: Die Automatenleine hat eine Länge von 150 cm !) 
    • Sichere Gebrauchshöhe bei automatischer Aktivierung: 80 m ü. Grund !
    • Die Aktivierung funktioniert auch bei totaler Orientierungslosigkeit beim Absprung – kein Suchen des Öffnungsgriffes erforderlich !
  • Vorteile Manuelle Aktivierung
    • Selbständige Einleitung der Fallschirmöffnung
      z.B. um sich bei unübersichtlichen Fluglagen erst einmal vom Luftfahrtzeug zu entfernen 
    • Ein manueller Rettungsschirm ist immer dann im Vorteil, wenn das zu verlassende Luftfahrtzeug sich mit hoher Geschwindigkeit bewegt – eine unmittelbare Fallschirmöffnung bei hohen Geschwindigkeiten (von mehr als 240 km/h) kann schwere körperliche Verletzungen hervorrufen. Ein Sprung mit manueller Öffnungsverzögerung würde in diesem Fall eine Reduzierung (Abbremsung) des Piloten zur Folge haben.

Vor dem Start:

Zum Vorflugcheck gehört nicht nur die technische Kontrolle des Flugzeuges sondern auch des Rettungsgerätes – und zwar vor dem Anlegen:

  • Kontrolle der Packhülle (Container) und Gurte auf Beschädigungen aller Art
  • Korrekter Sitz des Abzugsgriffes in der Grifftasche (geben die Klettstreifen den Griff frei ?)
  • Funktionieren die Federn in den Schnellverschlüssen der Beingurte? (Gefahr: Fehlende oder gebrochene Federn führen zum vorschnellen Öffnen der Karabinerhaken…)
  • Freier Verlauf des Griffkabels zu den Verschluss-Stiften auf der Rückseite des Containers (Gefahr: Blockierung durch Schmutz im Kabelkanal)
  • Befinden sich die Verschluss-Stifte in der richtigen Länge im Loop (Verschluss-Schlaufe) oder haben die Stifte-Enden kein „Spiel“ und befinden sich nur knapp hinter der Öse (Gefahr: Der im Container befindliche Hilfsschirm könnte durch Körperbewegungen ungewollt aus der Verpackung springen)
  • Sind die Verschlussstifte verbogen? (Das Griffkabel bewegt sich nur noch schwer oder gar nicht mehr – die Stifte blockieren die Öffnung der Verpackung und geben den Hilfsschirm nicht frei – Totalversager! – TÖDLICH !)

 

Anlegen des Fallschirmes:

  • Vor dem Flugzeug in aufrechter Position (bitte niemals erst im Flugzeug…!)
  • „Umhängen“ über die Schultern wie ein Rucksack mittels der Schultergurte
  • 1. Verschließen des Brustgurtes (dabei wird der Gurt von hinten durch die Brustgurtschnalle, den Steg umfassend so zurückgeführt, dass der äußere Rahmen der Schnalle gegen den zurückgeführten Gurt klemmt) – Ein einfaches Umlegen des Gurtes ist kein Verschluss! (Gefahr: aus dem Gurtzeug herausfallen!)
  • 2. Beingurte schließen in dem man sich nach vorn beugt, die Beingurte einzeln durch die Beine fädeln und seitengerecht die Schnellverschlüsse einhakt.
  • Beingurte festziehen und Überlängen mittels der Gummis verstauen. Die Gurte sollten derart festgezogen werden, dass ein angenehmer Sitz des Gurtzeuges möglich ist.  (Gefahr: zu lockere Beingurte können beim Notausstieg behindern und sorgen evtl. für eine asymmetrische Verteilung des „Öffnungsschocks“ – Verletzungsgefahr!)

 

Handhabung des Manuellen Rettungsschirms beim Absprung

Nach Freikommen vom Luftfahrtzeug sofort und unmittelbar mit der rechten Hand den in Brusthöhe befindlichen Abzugsgriff greifen und umfassen. Die linke Hand wird auf die rechte Hand gelegt und unterstützt den mit der rechten Hand einsetzenden kräftigen Zug in vertikaler Richtung nach unten.

- Tipp: Beim Greifen des Abzugsgriffes in die Richtung des Griffes schauen
          
um sicherzugehen, dass man auch wirklich den Griff in der Hand hat!
- Tipp: Kopf in den Nacken! – Hüfte vor! – Beine leicht V-förmig strecken!
- Tipp: KEINE ZEIT VERLIEREN !  -  RUHIG ABER ENTSCHLOSSEN HANDELN!

  •  
    • VORSICHT bei geringer Absprunghöhe! – Denken Sie an den radikalen Höhenverlust eines nicht flugfähigen Luftfahrzeuges!
    • Empfehlung: mind. Absprunghöhe 150 m!
      (es kostet Zeit, das Luftfahrtzeug zu verlassen…)
      (es kostet Zeit, den Abzugsgriff zu finden….)
      (es kostet Zeit, bis der Schirm vollständig entfaltet ist….)
      (es kostet Zeit, bis der Schirm seine volle Tragfähigkeit entwickelt hat…)
      Zeit ist Höhe! (die einem am Ende vielleicht fehlt, weil vorher nicht entschlossen genug gehandelt wurde…)
    • Höhe ist Leben !!

Handhabung des Automatischen Rettungsfallschirms beim Absprung

Auch beim Automatischen Absprung ist die gleiche Haltung wie beim Manuellen Absprung empfehlenswert. – Dadurch wird dem Rettungsfallschirm die beste Möglichkeit für eine gute Entfaltung gegeben. Außerdem kann man im Bedarfsfall noch selbständig eine Manuelle Aktivierung vornehmen. 

 


Am Fallschirm

Je nach Absprunghöhe und Schirmöffnung kann unterschiedlich viel Zeit unter dem Fallschirm zur Verfügung stehen.

Bei einer Sinkrate von ca 5,5 m/s stehen bei 100 m Höhenverlust unter dem geöffneten, voll tragenden Rundkappenfallschirm ca. 18 Sekunden Zeit zur Verfügung. Bei 500 m Höhe am Schirm stehen schon 90 Sekunden zur Verfügung.

Zeit, die man zur Verfügung hat um das Landegebiet unter einem zu sondieren. Bei einer Sinkphase von ca. 18 Sekunden gibt es nicht mehr viel zu entscheiden. – Aber bei 500 m sieht das schon anders aus…

Der RFS II ist bedingt steuerbar, da er über zwei luftdurchlässige Felder verfügt, die zum einen gewissen Vorschub von 1 – 3 m / sek. bringen und über an den Haupttragegurten befindlichen Steuerschlaufen die Kappe gegen den Wind drehen lassen. Durch Drehen der Fallschirmkappe ist es so möglich um entweder mit dem Wind „zu fahren“ und Strecke zu machen oder aber gegen den Wind über Grund „stehen zu bleiben“. Dies kann wichtig sein; je nach dem welches Gelände sich unter einem befindet und ein Ausweichen vor Hindernissen erforderlich ist.

 

Landung

 Die Landehaltung sollte in etwa so aussehen:

  • Die Körperhaltung ist aufrecht 
  • die Hände befinden sich oben an den Haupttragegurten, die Arme sind nach vorne angewinkelt (auf keinen Fall: die Ellenbogen nach außen winkeln!!!) 
  • Die Beine werden eng zusammen und locker gehalten
    (Beine steif: Verletzungsrisiko!) 
  • Die Füße zusammen halten (gut ist wenn die Schuhsohlen sich berühren) und die Fußspitzen nach unten zeigen
    (niemals die Hacken zuerst – Verletzungsrisiko!) 
  • Kinn auf die Brust (und damit den Kopf nach unten) nehmen
  • FALLEN LASSEN!!!  und seitlich abrollen…

    -  Nicht versuchen, eine stehende Landung hinzubekommen!!!

    ….sollte man mal geübt haben…

 

Landegebiet

Die optimale Landefläche stellt auf jeden Fall eine ebene Wiese oder ein Acker dar.

 

Hindernislandungen

 Wenn irgend möglich, frühzeitig ausweichen…

 Bei Baumlandungen sollte man NICHT versuchen, sich selbständig zu befreien. – Hierbei wird häufig die eigene Höhe im Baum unterschätzt. Nach Halt suchen und sich selbst gegen Herausfallen sichern! – Durch Rufen auf sich aufmerksam machen. - Auf kompetente Hilfe warten!

Nach der Landung auf einem Hausdach unbedingt an einem Haupttragegurt Höhe Übergang zu den Fangleinen diese zu sich herunter ziehen um die in der Fallschirmkappe befindliche Luft heraus zu bekommen. Durch diese Aktion kollabiert der Schirm und bietet keinen Luftwiderstand mehr. – Bleibt die Kappe aufgebläht, besteht die Gefahr, von dem Dach herunter gezogen zu werden. Nicht versuchen, dass Dach durch Kletteraktionen selbständig zu verlassen. – Durch Rufen auf sich aufmerksam machen. – Auf kompetente Hilfe warten! (evtl. Feuerwehr).

Stromleitungen in Form von Überlandleitungen sind nur schwer auszumachen und „verraten“ sich nur durch die Stützen, die in der Landschaft reihenweise aufgestellt sind. – Hier gilt: Unter allen Umständen FERNHALTEN. – Alle Überlegungen in Richtung Überleben in einer Stromleitung können als realitätsfern bezeichnet werden. – Eine Landung in einer Stromleitung endet immer tödlich!! 

Wasserlandungen: Landefallhaltung einnehmen – Füße zusammen! – Da man nicht weiß, wie 1. tief das Wasser ist und was sich 2. unter der Wasseroberfläche verbirgt. – Immer von der Fallschirmkappe weg bewegen, um sich nicht mit Kappengewebe oder Fangleinen zu verheddern. Versuchen, so schnell wie möglich das Ufer zu erreichen.

 

Einige Fragen, die man sich als Pilot vor dem Start immer wieder mal stellen sollte:

  • Wie funktioniert in diesem Flugzeug der Notabwurf der Kabinenhaube
  • (besonders interessant, wenn man dieses Flugzeug noch nie geflogen hat)?
  •  
    • Wo befindet sich die Betätigungseinrichtung (links, rechts, vorn Mitte?)
    • Ist die Abwurfvorrichtung zu ziehen, zu drücken oder ganz anders?
    • Wie entfernt sich bei diesem Flugzeug die Haube? (ist die Haube seitlich aufklappbar? Oder befindet sich der Drehpunkt am hinteren, oberen Haubenrand? Oder haben wir hier eine ganz andere Variante? – Vorsicht: KOPF ! 

 

  • Wie werden die Anschnallgurte gelöst?
  •  
    • Es ist ein Unterschied, ob die Gurte nach der Landung in aller Ruhe am Boden gelöst werden oder während eines Absturzes nach Abwurf der Kabinenhaube unter aller Einwirkung aller Kräfte, die man sich so vorstellen kann…
    • Eine Übung, die man auch mal im „Augen zu“ Modus durchlaufen sollte (vielleicht behindert im Notfall gerade irgendetwas die Sicht auf die Verschlüsse)

 

  • Wie ist man sonst noch mit dem Flugzeug verbunden?
  •  
    • Sauerstoffschläuche?
    • Kabel für die Fußsohlenheizung?
    • Kommt man mit den Füßen/Beinen am Instrumentenpils vorbei?
    • Computer?
    • Sonstiges Kabelgewirr?

 

  • Welches Schuhwerk wird getragen?

    • Am besten sind Sportschuhe mit einer leicht dämpfende Schuhsohle
    • Schnürschuhe mit langen Schuhbändern? – So am Schuh verstauen, dass man damit nicht irgendwo im Cockpit hängen bleibt…
    • Flip-Flops, offene Sandalen oder an den Fersen offenes Schuhwerk ist sicherlich nicht nur in Bezug auf einen Notabsprung suboptimal, oder?

 

  • Wie befreit man sich am besten aus dem Cockpit?
  •  
    • Wie kommt man am schnellsten über die Bordwand?
    • …und für alle Fälle:  ein kleines Hakenmesser gehört an jedes Fallschirmgurtzeug…

 

Je mehr Überlegungen im Vorfeld getroffen wurden, desto$ klarer wird das Bild, wenn es dann doch mal soweit sein sollte. – Vorbereitet sein, heißt Zeit sparen. Zeit sparen heißt Höhe gewinnen! Höhe ist Leben! Für strukturierte Abläufe sorgen!

Ist die Entscheidung getroffen – keine weitere Zeit verschenken – entschlossen den Notfallplan abarbeiten!

Thomas Vilter

www.fallschirmservice.de